Dieses Fallbeispiel einer Höhenangst zeigt sehr deutlich, wie Aspekte eines Themas nach und nach hochkommen und mit Klopfakupressur bearbeitet werden können.

Ausgangslage

Die Klientin Susanne, 21 Jahre alt, litt unter einer recht starken Höhenangst. Sie wollte diese gerne behandeln, denn sie fühlte sich dadurch eingeschränkt.

 

Bearbeitung in der Praxis

Susanne berichtete von ihrer Höhenangst, die schon lange bestand. Sie konnte weder Balkone betreten noch Wege im Gebirge unbelastet gehen. Gerne hätte sie Wanderungen mit ihrem Freund unternommen, aber die Höhenangst hinderte sie daran.

Ich bat sie, sich eine Situation vorzustellen, die das Gefühl von Höhenangst jetzt in diesem Raum bei ihr auslösen würde. Susanne brauchte nicht lange dafür und nannte auf Anfrage 7 als Grad der Belastung in diesem Moment auf der SUD-Skala von Null bis 10. Auch meine Einschätzung von außen bestätigte diesen Wert, da sie relativ angespannte Gesichtszüge zeigte. Ich begann die Bearbeitung mit folgendem Satz:

“Ich habe Höhenangst und ich bin OK wie ich bin”.

Wir klopften das komplette Basisprotokoll, also alle Gesichts- und Körperpunkte. Nach einer Runde war der SUD auf 3 abgesunken. Weiter ging es mit

“Ich habe einen Rest von Höhenangst und ich bin OK wie ich bin”.

Diese “Rest-Runde” ließ den SUD zunächst auf 1 sinken. Ich entschloss mich, weiter zu klopfen:

“Dieser letzte Rest meiner Höhenangst und ich bin OK”.

Am Ende dieser dritten Runde zum Aspekt “Höhenangst” war der SUD-Wert auf Null. Ich bat Susanne, sich andere Höhenangst-Situationen vorzustellen. Auch auf mehrfaches Nachfragen konnte sie für den Moment keine solche Situation mehr erinnern.

 

Test

Nachdem Susanne in der Phantasie keine Höhenangst mehr empfinden konnte, fragte ich sie, ob sie bereit wäre, einen Test auf der am Gebäude angebrachten Feuerleiter zu vollziehen. Sie willigte ein. Die Außentreppe am Gebäude sah ähnlich aus wie die im Bild:

Feuerleiter

Bild: Pixabay / Pinguu

Ich bat Susanne, sehr achtsam voranzugehen, auf sich selbst und vor allem auf Körperwahrnehmungen zu achten und eventuell auftretende Belastungen sofort mitzuteilen. Der Weg durch die Glastür auf den ebenen Bereich war noch kein Problem.

Als Susanne sich auf der Ebene in Richtung Geländer bewegte sah ich, dass sie nicht aufrecht, sondern leicht gebeugt ging. Ich fragte sie, was sie wahrnehme. Sie antwortete:

“Das Gefühl, dass der Boden wegkippt, ist weg. Aber ich habe jetzt Angst, zu fallen.”

Offensichtlich hatte Susanne zwar den allgemeinen Begriff “Höhenangst” verwendet und beklopft, unterbewusst jedoch zu “Das Gefühl, dass der Boden wegkippt” übersetzt. Da mir als Coach dies nicht bewusst war, ist ein klassischer Fall einer semantischen Lücke. Immerhin waren wir in Bezug auf diesen Aspekt trotzdem erfolgreich!

Dafür tauchte nun ein neuer Aspekt auf, nämlich die “Angst zu fallen”. Diese beklopften wir sofort und der SUD ging innerhalb einer Klopfakupressur-Runde von 6 komplett auf Null zurück. Susanne stand aufrecht und fühlte sich frei von Belastung. Ich fragte sie, ob sie nun ganz achtsam weiter in Richtung Geländer gehen konnte. Sie bejahte und ging langsam los.

Als sie in der Mitte der Ebene angelangt war, blieb sie stehen. Sie hielt sich eine Hand auf den Bauch und sagte:

“Ich habe so ein Gefühl, als ob ich durch eine Prüfung müsste.”

Die Einwertung ergab 3 als SUD-Wert. Ich ließ sie genau den Satz beklopfen, den sie eben gesagt hatte. Auch hier ging der SUD innerhalb einer Runde auf Null zurück.

Dann ging sie weiter zum Geländer. Dort angelangt, lehnte sich Susanne vorsichtig und etwas verhalten leicht über das Geländer und sagte:

“Ich spüre jetzt noch einen Rest Angst zu fallen.”

Offensichtlich war dieser Aspekt noch nicht vollständig aufgelöst. Wieder bat ich Susanne, genau den o. g. Satz zu klopfen. Der SUD ging von 3 auf Null in einer Runde.

Nun lehnte sich Susanne in einer Weise über das Geländer, die man von einer von Höhenangst freien Person erwarten würde, ohne sich dabei irgendwie in Gefahr zu bringen. Dabei sagte sie, etwas erstaunt: “Cool!”

Susanne konnte nun die in der 3. Etage liegende Ebene direkt über die Außentreppe verlassen, ohne dabei auch nur einen Anflug emotionaler Belastung zu zeigen :-)

 

Reflektion

Der Verlauf zeigt sehr deutlich und in klassischer Weise die Zusammensetzung eines Themas aus mehreren Aspekten. Sie tauchten nacheinander auf, größtenteils allerdings erst unter in-vivo-Bedingungen, die wir zufällig vor Ort vorfanden.

Dies zeigt mir, wie wichtig es ist, möglichst schon in der Sitzung im Coachingraum möglichst über die genauen Wahrnehmungen vorzugehen und damit spezifischer zu werden, als ich es zunächst war.

An der Stelle mit dem “Gefühl, als ob ich durch eine Prüfung musste” hatte ich einen Moment lang den Gedanken, ob wir nicht nebenbei eine Prüfungsangst der Studentin Susanne wenigstens ein Stück weit mitbehandelt haben. Jedenfalls habe ich das Wort “Prüfung” bewusst deutlich ausgesprochen, um hier ggf. die Fokussierung zu verstärken. Die Position, in der sie auf der Ebene stehen blieb war ziemlich in der Mitte, mit recht großem Abstand zu allen Geländern. Vielleicht war dort ein Gefühl des Ausgeliefertseins oder der Haltlosigkeit präsent. Ich habe sie allerdings nicht weiter danach gefragt, es ging ja vordringlich um die Höhenangst.

Interessant fand ich auch den Moment, als beim Geländer der Aspekt der Angst zu fallen wieder aufkam. Ich vermute, dass der Auslöser, ohne Gitter direkt in die Tiefe zu sehen einfach stärker war als die Situation in der Mitte der Ebene, da ja der SUD dort komplett auf Null gegangen war.

Insgesamt hatte ich das gute Gefühl, dass unsere Arbeit erfolgreich war. Susanne hat sich sehr freudig bedankt und sofort von ihrem neuen Freiheitsgrad Gebrauch gemacht. Dies unmittelbar mitzubekommen hat mich sehr ermutigt und bestätigt, die Klopfakupressur weiter einzusetzen und zu erfahren (und zu entwickeln ;-) )!